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South Seas: Voyaging and Cross-Cultural Encounters in the Pacific (1760-1800)

Nr. 22 / 2004  

Resümee:  Aufbauend auf Beständen der National Library of Australia werden digitale Fassungen von Reisejournalen, moderne und historische Karten sowie Vertiefungsmaterialien zur Entdeckungsgeschichte der Südsee zusammengestellt.
URL:  http://southseas.nla.gov.au
Kategorie:  Themenangebote

Der Venusdurchgang vor der Sonnenscheibe vom 8. Juni 2004 ist ein astronomisches Ereignis von großer Seltenheit. Im 20. Jahrhundert konnte ein solches Phänomen gar nicht, im 19. Jahrhundert und 18. Jahrhundert nur jeweils zwei Mal beobachtet werden. Für die frühneuzeitliche Wissenschaft war der Venustransit von ganz besonderer Bedeutung, weil er die Möglichkeit zur Messung des Abstandes zwischen Erde und Sonne bot. Von diesem Messergebnis wiederum ließen sich die Abstände zu den anderen Planeten und die Größe des gesamten Sonnensystems ableiten. Nachdem die Beobachtungen des Transits von 1761 unbefriedigende Ergebnisse gezeitigt hatten, kam es anlässlich des Venusdurchgangs vom 3. Juni 1769 zu einer europäischen Wissenschaftskooperation, die Arno Schmidt in seiner historischen Skizze "Das schönere Europa" als "die erste große wissenschaftliche Gemeinschaftsleistung unserers Kontinentes" gewürdigt hat. Auch britische Forscher beteiligten sich an diesem internationalen Beobachtungsprogramm. Im Auftrag der Londoner "Royal Society" wurden 1768 mehrere Astronomen auf der Dreimastbark "Endeavour" eingeschifft, um eine Reise in den Pazifik anzutreten und dort den Venusdurchgang zu beobachten. Der Zielort dieser Fahrt, die unter dem Kommando des ebenfalls über ausgezeichnete astronomische Kenntnisse verfügenden Kapitäns James Cook stattfand, war das 1767 erstmals von einem europäischen Schiff angesteuerte Tahiti.

Die während seiner ersten Pazifikreise verfassten Aufzeichnungen von James Cook bilden einen der Hauptbestandteile des Internet-Angebots "South Seas", für das Professor Paul Turnbull von der James Cook University (Inhalt) und Chris Blackall von der Australian National University (Präsentation) verantwortlich zeichnen. Die digitalisierten Materialien befinden sich zum größten Teil im Besitz der National Library of Australia, die auch als Host für dieses Online-Angebot fungiert. Einführende Erläuterungen zu "South Seas" können über die beiden am unteren Rand der Startseite angeordneten Links Technical Help und Using South Seas sowie über einige Abschnitte im Bereich Research abgerufen werden. Die Hauptnavigationsspalte führt über den Link Voyaging Accounts zum Kern des Angebots, den Aufzeichnungen von James Cook, Joseph Banks und Sydney Parkinson sowie der von John Hawkesworth auf der Grundlage der Notizen von Cook und Banks erstellte Darstellung der Reise der Endeavour. Dem von James Cook abgefassten "Journal of Remarkable Occurrences aboard His Majesty's Bark Endeavour, 1768-1771" und dem im gleichen Zeitraum geführten "Endeavour Journal" von Joseph Banks liegen jeweils die Originalmanuskripte zugrunde, während die Notizen von Parkinson gemäß der 1773 in London publizierten Druckfassung "Journal of a Voyage to the South Seas, in His Majesty's Ship, The Endeavour" und die Darstellung von Hawkesworth auf der Basis des ebenfalls 1773 in London gedruckten "Account of the Voyages [...] in the Southern Hemisphere" präsentiert werden. Alle Texte, auch die Online-Fassungen der gedruckten Werke, liegen im Volltext vor, so dass sie durchsucht werden können. Im Fall der Manuskripte ist das Fehlen von Faksimiles zu bedauern, weil keine Überprüfung der Transkription möglich ist.

Sowohl Cook als auch Banks führten ein Journal mit täglichen Einträgen sowie ein Buch mit umfangreicheren Beschreibungen von Orten, landschaftlichen Besonderheiten, Pflanzenwelt oder auch Gebräuchen der indigenen Bevölkerung. Die Einträge dieser Beschreibungssammlungen sind in geographisch definierten Kapiteln zusammengefasst, die den Ablauf der Reise von Südamerika über Tahiti, Neuseeland, Australien und Südafrika wiederspiegeln. Die Journaleinträge zu bestimmten Daten können dagegen mit Hilfe einiger Dropdown-Menüs recht genau angesteuert werden. Durch die Einträge zu den einzelnen Tagen kann mit Hilfe einer einfachen Blätterlösung navigiert werden. Für das Journal Cooks wird zudem ein Index angeboten, der allerdings lückenhaft ist. Unter dem Stichwort "Transit of Venus" findet sich nur ein Eintrag zum 15. April 1769, nicht aber zum eigentlichen Beobachtungstag am 3. Juni desselben Jahres. Indizes für die anderen Quellentexte sind offenbar vorgesehen, sie enthalten bislang aber nur sehr wenige Einträge. Mit Hilfe einer Volltextsuche kann dieses Manko jedoch umgangen werden. Neben einer einfachen Stichwortsuche wird auch eine strukturierte Suche angeboten, die vor allem die Eingrenzung der Suchoperation auf einen bestimmten Zeitraum ermöglicht. Als sehr hilfreich erweist sich, dass zu jedem Journal-Eintrag Links angeboten werden, die zu den korrespondierenden Textpassagen der anderen hier präsentierten Reiseberichte verweisen. Cook konzentriert sich z. B. am 3. Juni 1769 auf den Venusdurchgang und vermeldet: "the Air was perfectly clear, so that we had every advantage we could desire in Observing the whole of the passage of the Planet Venus over the Suns disk". Banks dagegen beschäftigte sich an diesem Tag offensichtlich mehr mit den Bewohnern der Gesellschaftsinseln sowie ihrem Handel und Wandel, und er kann als Besonderheit vermelden, dass zu seiner Überraschung "3 hansome girls [...] with very little perswasion" bereit waren, in seinem Zelt zu übernachten. Hawkesworth wiederum zitiert ausführlich die für diesen Tag von Banks angelegten Aufzeichnungen zu Land und Leuten, übergeht jedoch die Übernachtungspassage - vielleicht um Banks vom Ruch einer allzu weitreichenden Auffassung hinsichtlich der auf den Gesellschaftsinseln zu erbringenden Venusdienste frei zu halten.

Neben den Querverweisen auf verwandte Textpassagen finden sich bei den Journal-Einträgen auch Hinweise auf passendes Kartenmaterial, das in Form von Flash-Dateien angeboten wird. Um diese Karten betrachten zu können, muss ein entsprechendes Macromedia-Plugin für den Internet-Browser installiert sein. Das proprietäre Flash-Format wird für interaktive Funktionen benötigt, mit deren Hilfe Querverweise zwischen den Karten und dazugehörigen Zusatzinformationen sowie zu Passagen der Reiseberichte verfolgt werden können. Außerdem wird auch eine Zoomfunktion für einige zeitgenössische Karten angeboten, die allerdings nur einen sehr kleinen Bildschirmbereich nutzt. Einen Überblick über das verfügbare Kartenmaterial bietet der Bereich Voyaging Maps, der nicht weniger als 54 eigens für dieses Internet-Angebot erstellte interaktive Karten umfasst. Als weiteres Hilfsmittel steht der South Seas Companion zur Verfügung, in dem Informationen über Personen, Orte, Naturphänomene oder kulturelle Artefakte zusammengestellt wurden. Als Nachschlagewerk für das in den Quellen verwendete Seefahrtsvokabular kann im Bereich Reference Works auf eine digitale Fassung des 1780 von William Falconer in London veröffentlichten "Dictionary of the Marine" zurückgegriffen werden. Zu erwähnen sind schließlich noch die Kapitel European Reactions und Indigenous Histories, in denen allerdings nur einige kleinere Quellentexte zu finden sind.

Die Webseiten zur Entdeckungsgeschichte der Südsee weisen sicherlich noch manche Lücken auf und sind auch bezüglich der formalen Gestaltung nicht immer zufriedenstellend. So fehlen z. B. fast sämtliche Metadaten zu den präsentierten Quellentexten. Das Konzept zur Verknüpfung von Quellen, modernen und historischen Karten sowie vertiefenden Zusatzinformationen kann jedoch überzeugen. Der weitere Ausbau der "South Seas" wäre daher sehr zu begrüßen.

[Gregor Horstkemper, 31. Mai 2004]

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