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Bibliothèques Virtuelles Humanistes

Nr. 24 / 2004  

Resümee:  Unter Leitung des "Centre d'Études Supérieures de la Renaissance" in Tours wird eine virtuelle Bibliothek frühneuzeitlicher Drucke aufgebaut, die neben der bildbasierten Präsentation der Werke auch Volltextversionen im XML-Format umfasst.
URL:  http://www.bvh.univ-tours.fr
Kategorie:  Digitale Editionen

Als die Bibliothèque nationale de France in den 1990er Jahren mit dem Plan eines groß angelegten Digitalisierungsvorhabens schwanger ging und schließlich einen gargantuesken Online-Sprössling namens Gallica aus der Taufe hob, schien der französische Zentralismus im eigentlich dem Prinzip der Dezentralität verpflichteten Internet fröhliche Urständ zu feiern. Doch hier und da machten allmählich auch kleinere Einrichtungen wie die Bibliothèque Municipale de Lyon digitalisierte Bestände zugänglich, und mittlerweile tragen die Profilierungsversuche der Provinz weitere Früchte. Seit dem Jahr 2002 bereiten Arbeitsgruppen des renommierten "Centre d'Études Supérieures de la Renaissance" (CESR) an der Université François-Rabelais in Tours und des "Institut de Recherche et d'Histoire des Textes" (IRHT) ein Online-Angebot vor, in dessen Rahmen humanistische Texte der frühen Neuzeit zugänglich gemacht werden sollen. Die über einen Webserver des CESR erreichbaren virtuellen Bestände werden in Zusammenarbeit mit Bibliotheken, Archiven und Mediatheken der Région Centre weiter ausgebaut, um das kulturelle Erbe dieser Region zu dokumentieren.

Die Startseite verweist auf einige grundlegende Informationen zum Projekt, wobei vor allem der Link Présentation empfohlen werden kann. Hier wird u. a. dargelegt, dass neben der Erstellung digitaler Versionen alter Drucke mit Hilfe von Grafikdateien auch an der Volltexterfassung eines Teils der Werke gearbeitet wird. Die mit Hilfe von OCR-Verfahren erstellten Rohtexte werden anschließend überarbeitet und in das XML-Format übertragen. Es werden vorzugsweise Werke digitalisiert, die den fünf Sachgruppen "Classiques de la Renaissance", "Sources religieuses", "Sources de la science", "Ouvrages d’intérêt régional" und "Jurisprudence" zugerechnet werden können. Für die Auswahl zeichnen Fachleute verantwortlich, zu denen z. B. Gérald Chaix, Joël Biard und Jean-Paul Pittion zählen.

Wer sich direkt einen Eindruck von den verfügbaren Materialien machen möchte, kann auf der Startseite den Link Accès au catalogue anklicken. Hier wird zunächst ein einziges Suchfeld angezeigt, in dem man nach Autor, Titel, Drucker oder Jahr der Publikation suchen kann. Um sich zunächst über den Stand der überhaupt erfassten Titel zu orientieren, empfiehlt sich jedoch ein browsendes Vorgehen. Für diesen Zweck kann zwischen den drei Links Liste des ouvrages, Liste des auteurs und Liste des matières gewählt werden. Dass die digitale Bibliothek noch im Aufbau begriffen ist, kann der Liste des ouvrages entnommen werden, wo im Juni 2004 gut 30 Titel zu finden waren. Wenn die Bestände weiter anwachsen, werden auch die weiteren Suchfunktionen - Recherche avancée, Recherche plein texte sowie Recherche sur les illustrations - erst ihren vollen Nutzen entfalten können. Letztere erlaubt den differenzierten Zugriff auf Abbildungsmaterial innerhalb alter Drucke. In einer Publikation wie "Les vrais pourtraits des hommes illustres" von Théodore de Bèze finden sich z. B. nicht weniger als 221 Abbildungen. Man kann durch sämtliche Abbildungen browsen, oder gezielt mit einer Stichwortsuche nach Porträts bestimmter Personen suchen. Allerdings ist zu beachten, dass Namen nicht normiert wurden und man deshalb unter "Luther" nichts, unter "Luter" aber sehr wohl ein Porträt des Wittenberger Reformators findet.

Hat man in den Überblickslisten oder per Suche einen interessierenden Titel geortet, kann entweder über den Link notice eine Reihe bibliografischer Angaben abgerufen oder durch Anklicken des Titels der Zugriff auf die digitale Version angestoßen werden. Bisher sind nur in wenigen Fällen sowohl Bild- als auch Volltextversionen verfügbar, etwa die "Imagination poetique" von Barthélemy Aneau (Lyon 1552). Greift ein Nutzer auf dieses Werk zu, öffnet sich ein eigenes Browserfenster. Darin besteht die Wahl zwischen "mode image" (24 Bit per pixel) und "mode binaire" (1 Bit per pixel) sowie "mode texte" und "mode texte & image". Die Navigationsmöglichkeiten sind komfortabel, zumal zu jeder Zeit von einem Modus in den anderen umgeschaltet werden kann. U. a. werden auch Suchfunktionen für den Volltext angeboten. Zudem können die einzelnen Werke auch noch als PDF-Dateien heruntergeladen werden. Im Fall der "Colloquia et dictionariolum sex linguarum" von Noël de Berlaimont umfasst diese PDF-Datei nicht weniger als 9,2 MByte. Unter den Autoren darf natürlich François Rabelais nicht fehlen, von dem u. a. eine Ausgabe seiner Werke von 1564 einschließlich der "faits & dits heroïques de Gargantua" vertreten ist. Auch wenn die Provinz bezüglich der Menge des präsentierten Materials nicht mit den "Gallica" konkurrieren kann, so lässt die durchdachte Aufbereitung des hier präsentierten Materials doch auf eine baldige Ausweitung des Angebots hoffen - möglichst unter Beibehaltung des hohen Erschließungsstandards und der benutzerfreundlichen Navigationsmöglichkeiten.

[Gregor Horstkemper, 14. Juni 2004]

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